Delegiertenversammlung 2019

Auf dem Arenenberg, dem Sitz des ehemaligen Hochadels, wo unter anderem im 19. Jahrhundert die Tochter von Napoleon I., Hortense de Bauharnais, als ehemalige Königin von Holland ihr Exil verbrachte, trafen sich am Samstag, 2. März 2019 rund 70 Delegierte und Gäste des Thurgauer Vogelschutzes zur Delegiertenversammlung 2019. Die Traktandenliste der Veranstaltung umfasste ein reichhaltiges Programm und stellte verschiedene Anträge sowie die Neubesetzung des Kassieramtes zur Wahl.
 
Stefan Braun eröffnet die DV 2019

Stefan Braun eröffnet die Delegiertenversammlung 2019

Stefan Braun, Präsident des gastgebenden Natur und Vogelschutzsvereins Steckborn sowie Umweltbeauftragter der Stadt Kreuzlingen eröffnete die diesjährige Delegiertenversammlung mit Informationen zu seinem Verein. Nach einer kurzen Einleitung übergab er das Wort an den Gastredner, Matthias Künzler, Leiter der Abteilung Natur und Landschaft des Amtes für Raumentwicklung Thurgau.

 
Einblick in die Arbeiten der Fachstelle “Natur und Landschaft”
 
Referat Matthias Künzler

Matthias Künzler gewährt einen Einblick in die Arbeit seiner Fachstelle

Aus dem umfangreichen Aufgabengebiet seiner Amtsstelle sprach Matthias Künzler in belebenden Worten vier verschiedene Themen an, welche unter anderem auch den Vogelschutz betreffen. Die ersten Ausführungen galten dem Biodiversitätsmonitoring Thurgau und verwiesen dabei auf die Informationen aus dem unlängst von der Thurgauischen Naturforschenden Gesellschaft herausgegebenen 69. Band. Die Daten zum Biodiversitätsmonitoring werden vom Kanton Thurgau seit dem Jahr 2009 erhoben. Seit dem hat sich die Artenvielfalt bei Vögeln und Schmetterlingen im Kantonsgebiet leicht erholt, während die Biodiversität bei Pflanzen eher auf stagnierend tiefem Niveau verharrte. Matthias Künzler gibt zu bedenken, dass die Daten ab einem Zeitpunkt erfasst wurden, als der Artenreichtum von Flora und Fauna bereits tief war und spricht von einer Erhebung aus der Talsohle heraus. Um sich einen wirklichkeitsgetreuen Eindruck der Entwicklung verschaffen zu können, müssten Vergleichszahlen aus den 50er und 60er Jahren hinzugezogen werden, als die Biodiversität im Kanton noch verhältnismässig ausgeprägt war. Solche Angaben fehlen jedoch, weil damals noch keine derartigen Untersuchungen durchgeführt wurden. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass im Bereich der Pflanzen seit 2009 diejenigen Arten zurückgegangen sind, welche auf nährstoffarme Bedingungen angewiesen sind, während Arten, die eher nährstoffreiche Standorte bevorzugen, leicht zugenommen haben. Bei Schmetterlingen verlaufen die Entwicklungen bei häufigeren Arten deutlich positiver als jene der gefährdeten, anspruchsvollen Arten und derer in seltenen Lebensräumen. Auch die Erhebung der Vogelarten zeichnet ein ambivalentes Bild. Die Zahl einzelner Arten oder Artengruppen schwindet kontinuierlich, während die Gesamtzahl an Vögeln im erhobenen Zeitraum leicht angestiegen ist. Insbesondere im Siedlungsraum sind starke Rückgänge an Vogelarten zu verzeichnen (u. a. Amseln, Grünfinken).

 
Strafbestimmungen für den MehlschwalbenSchutz fehlen
 
Die Mehlschwalbe ist seit 1986 durch das Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel geschützt. Dieser Schutz wurde im Kanton Thurgau per 1. Januar 2017 erweitert, indem die Nester von Mehlschwalben unter ganzjährigen Schutz gestellt wurden. Diese durchaus erfreuliche und notwendige Gesetzesanpassung hat dem Amt für Raumentwicklung im vergangenen Jahr jedoch einen Mehraufwand durch vermehrte Anfragen von verunsicherten Liegenschaften-Besitzer eingebracht. Das Amt hat auf diese Bedürfnisse reagiert und eine eigene Beratungs- und Koordinationsstelle zum Thema Mehlschwalben ins Leben gerufen. Zusätzlich fehlen dem Kanton derzeit noch die gesetzlichen Bestimmungen, nach welchen Verstösse gegen das Mehlschwalben-Schutzgesetz geahndet werden können. Deshalb wurde vom Amt für Raumentwicklung ein Antrag zur Anpassung der Verordnung zum Natur- und Heimatschutzgesetz hinsichtlich Strafbestimmung angestrengt. Ende 2019 dürfte dieser Punkt offiziell im Gesetz verankert sein.
 
Schlammweiher in Kieswerken gefährdet
 
Zu den weiteren Themen, die Matthias Künzler in seinem Referat umschrieb, gehört das Verschwinden von Schlammweihern bei Kieswerken. Diese Wasserflächen entstanden, als das Waschwasser aus dem Aufbereitungsprozess von Kies in eigens erstellte Gruben abgeführt wurde. Hier setzten sich Sedimente im Wasser ab und bildeten im Laufe der Jahre wertvolle Lebensräume für Tiere. Aufgrund neuen Technologien entfällt nun das Ableiten von Wasser. Neue Schlammweiher werden nicht mehr angelegt, und einige Kieswerke planen gar, bestehende Schlammweiher trockenzulegen, was einen zusätzlichen Verlust an Biotopen mit sich bringt.
 
Gärten des Grauens – ein Umdenken ist gefordert
 

Sie benötigen wenig Pflegeaufwand – die Schotterwüsten im Siedlungsraum (Bildquelle: facebook.de)

Im Siedlungsgebiet beschäftigt das Amt für Natur und Landschaft eine sich zunehmend verbreitende Gartenkultur bei privaten Eigenheimbesitzern. “Gärten des Grauens” spotten die Medien leichthin, während Fachleute diese Entwicklung mit Besorgnis beobachten und mit für den Rückgang der Vogelarten in Siedlungsgebieten verantwortlich machen. Die Rede ist von Gärten, die von ihren Besitzern in Schotterwüsten verwandelt werden. Lebensfeindliche Flächen, gestaltet mit Steinen aus Asien, im besten Fall durchsetzt mit exotischen Koniferen. Ein Pilotprojekt (“Vorteil naturnah”) wie es beispielsweise in Sirnach bereits erfolgreich umgesetzt wurde, soll im Kanton “Schule machen” und die Gemeinden darauf sensibilisieren, ihre Flächen naturnah zu gestalten. 

 
Helmut Reif tritt Nachfolge der Kassierin Sonja Pais an
 
Mit dem Ende des spannenden Vortrags von Matthias Künzler wurde der offizielle Teil der Delegiertenversammlung durch Beat Leuch, Co-Präsident des Thurgauer Vogelschutzes eingeleitet. Nach den üblichen Geschäften einer Delegiertenversammlung, wie die Annahme der Protokolle, des Jahresberichts und der Erfolgsrechnung durch die Delegierten, wurde die langjährige Arbeit der TVS-Kassierin Sonja Pais (Sektionspräsidentin NVS Lauchetal) verdankt. Der Vorstand des Thurgauer Vogelschutzes und seine Mitglieder schätzten die kompetente, zuverlässige und ausgesprochen wertvolle Arbeit von Sonja Pais sehr und verdankten ihren Einsatz mit grossem Applaus. Die abtretende Kassierin verstand es, ihr Wissen, das weit über die finanziellen Belange des Vereins hinaus ging, gekonnt an den Vorstandssitzungen einzubringen. Sie übergibt ihr Amt an Helmut Reif, der von der Versammlung einstimmig zum neuen Kassier des Thurgauer Vogelschutzes gewählt wurde.
 
Volksinitative “Biodiversität Thurgau” 
 
Die „Grüne Thurgau“ lancieren mit Umweltverbänden und anderen Parteien im Frühling 2019 eine kantonale Volksinitiative. Sie hat zum Ziel, die Biodiversität im Natur- und Heimatschutzgesetz zu verankern, eine kantonale Biodiversitätsstrategie zu entwickeln und die finanziellen und personellen Mittel gegenüber heute zu verdoppeln. Beat Leuch erklärte den Anwesenden die Einzelheiten dieser Initiative, an der sich der Thurgauer Vogelschutz beteiligt. Die Unterschriftensammlung beginnt im Frühling 2019. 
 
Anträge werden von der Versammlung gutgeheissen
 
Mathis Müller referiert an der DV 2019

Mathis Müller informiert über den Stand der Artenförderungs-Projekte

Der Antrag zur Weiterführung und Finanzierung des Artenförderungs-Projektes “Schleiereulen / Turmfalken” wurde durch Mathis Müller, Sektionspräsident NVS Pfyn und Vorstandsmitglied des Thurgauer Vogelschutzes in die Versammlung eingebracht. Nach einer kurzen Erläuterung zum aktuellen Projektstand und den geplanten zukünftigen Massnahmen, die beiden Vogelarten in ihrer Ausbreitung zu unterstützen, wurde der Antrag von der Ver-sammlung einstimmig gutgeheissen.

 
Ein zweiter Antrag, welcher zur Debatte stand, war von den See-Sektionen Altnau-Langrickenbach, Arbon, Kreuzlingen, Neukirch-Egnach, Romanshorn und Steckborn erhoben worden. Mit diesem Anliegen forderte man den Vorstand des Thurgauer Vogelschutzes auf, sich für eine schnellstmögliche Erstellung einer Strafverordnung im Zusammenhang mit dem Mehlschwalben-Schutz einzusetzen. Da aus dem Vortrag von Matthias Künzler hervorgegangen war, dass das Amt für Natur und Landschaft bereits einen diesbezüglichen Antrag beim Regierungsrat eingereicht hat, verzichteten die Antragstellenden auf eine Abstimmung über dieses Gesuch, forderten den Verbandsvorstand aber dazu auf aktiv zu werden, sollten entsprechende Strafbestimmungen bis Ende 2019 nicht umgesetzt sein.
 
Das dritte, zur Abstimmung stehende Anliegen war durch den Vorstand des Thurgauer Vogelschutzes formuliert worden. Gewünscht ist, die Geschäftsstelle und deren Aufgaben auf ein 20 % Pensum auszubauen, um den Vorstand zu entlasten. Die Verbandsaufgaben haben in den letzten Jahren stetig zugenommen und sind nebenberuflich kaum mehr zu bewältigen. Zudem verspricht man sich mit dem Ausbau eine Intensivierung der Zusammenarbeit mit den kommunalen Ämtern und Partner-Organisationen. Jakob Rohrer (Co-Präsident des Thurgauer Vogelschutzes) wies in seinen Erklärungen zum Antrag auf andere kantonale Verbände hin, die bereits eine Geschäftsstelle in ähnlicher Form umgesetzt haben. So auch BirdLife Luzern, deren Präsident man in einer ausserordentlichen Vorstandssitzung anfangs Jahr für eine Beratung eingeladen hatte. Es ist angedacht, die Geschäftsstelle über Eigenmittel des Verbandes, Sponsoring und eine Erhöhung der Mitglieder-Beiträge zu finanzieren. Dieser Antrag wurde von den Delegierten, die sich in der Diskussion mehrheitlich für das Vorhaben aussprachen, mit einer Gegenstimme gutgeheissen. Der Vorstand wurde aufgefordert, das Geschäft weiterzuverfolgen und die Sektionsvorstände regelmässig über den Verlauf zu informieren.
 
Mithilfe beim Schutz des Flussregenpfeifers
 
In einem weiteren Traktandum wurden die Anwesenden vom Vorstand um die aktive Mithilfe bei dem Schutz des Flussregenpfeifers aufgerufen. Zwar findet die Vogelart dank der teilweisen Renaturierung der Thur wieder idealere Lebensbedingungen vor, weil die Zahl an Kies- und Sandbänken zugenommen hat. Diese Lebensräume stehen jedoch durch Freizeitaktivitäten von Menschen unter zunehmendem Druck. Deshalb ist es wichtig, Vorkommen von Flussregenpfeifer zu beobachten und die Bevölkerung vor Ort zu informieren. 
 
Schweizer Vogelschutz – zwei nationale Initiativen am Start
 

Werner Müller präsentiert die Kampagnen des Schweizer Vogelschutzes

Den Abschluss der Delegiertenversammlung bildete der Vortrag von Werner Müller, Geschäftsführer von BirdLife Schweiz. Er informierte über die Kampagnen des Schweizer Dachverbandes sowie die Schwerpunkte des laufenden Geschäftsjahres. Zu letzteren gehören zwei nationale Initiativen, für die ab dem Frühling 2019 Unterschriften gesammelt werden. Die Biodiversitäts-Initiative hat zum Ziel, Lebensgrundlagen zu sichern. Sie soll, so der Initiativtext, dafür sorgen, dass es der Natur besser geht, weil ihr genügend Flächen und Mittel zur Verfügung stehen. Zudem verankert sie den Schutz der Landschaften und des Erbes unserer Baukultur in der Verfassung. In der Landschafts-Initiative wird die Sicherstellung der Trennung des Baugebiets vom Nichtbaugebiet gefordert. Die Regeln im Nichtbaugebiet sollen wieder ihre ursprüngliche Klarheit erhalten. 

Text und Fotos: Andreas Bohren (Geschäftsstelle)