Flussseeschwalben im Seebachtal

Mit einem leisen Surren gleiten die elektrisch betriebenen Tore am Bootshaus auseinander und öffnen mir den Blick auf die glatte Wasseroberfläche des Nussbaumersees. Was für ein Morgen! Erstes sanftes Sonnenlicht spiegelt sich im Wasser, kein Windhauch regt sich, die Natur scheint noch zu schlafen. Die unvergleichliche, wohltuende Ruhe eines noch jungen Tages strömt ins Bootshaus herein und erfasst mich. Ruhig, aber nicht still breitet sich die Landschaft des Seebachtals vor den Toren des Bootshauses aus. Draussen flötet der Pirol mit seinem unverwechselbaren, fast schon exotisch anmutenden Gesang, während vom gegenüberliegenden Ufer der auffordernde Ruf des Kuckucks ertönt. Selbst der Teichrohrsänger weiss bereits zu so früher Stunde viel zu erzählen und lässt sein Staccato über die Halme des nahegelegenen Schilfgürtels tanzen. Der Morgen erwacht, und ich steige in das Ruderboot ein…auf zu meiner Kontrollfahrt hin zu den Brutflossen, wo auch dieses Jahr wieder eine kleine Kolonie Flussseeschwalben vor kurzem zu brüten begonnen hat.

Flussseeschwalben-Kontrolle

Was für ein herrlicher Morgen!

Ruhig gleitet das Boot über das Wasser. Nur das Plätschern der rhythmisch eintauchenden Ruder unterbricht das natürliche Szenario. Die grünen Ufer liegen augenscheinlich verlassen da, doch ich weiss, mein Treiben wird von unzähligen Augenpaaren verschiedenster Tiere mehr oder weniger aufmerksam beobachtet. Ein Blässhuhn zieht etwas entfernt einsam seine Runden, irgendwo lacht eine Ente kurz auf. Das Boot schrammt über Seekannen, deren Blätter an einer seichten Stelle des Sees teilweise die Wasseroberfläche bedecken, die noch geschlossenen Knospen wie Köpfe aus dem Wasser hochgereckt. Allmählich nähere ich mich den Brutflossen, die der Thurgauer Vogelschutz alljährlich in aufwändiger Arbeit im April ein- und im Oktober auswassert. Schon von Weitem sind die Rufe der Flussseeschwalben zu hören. „Die schimpfen den ganzen Tag miteinander“, stellte unlängst eine Frau mir gegenüber lachend fest, als ich auf einem meiner Kontrollgänge durch das Naturschutzgebiet unterwegs war. Ich muss ihr beipflichten – das Gezeter klingt wirklich so, als würden die Segler unentwegt angeregt keifen. Um so geringer meine Distanz zu den Flossen wird, um so aufgeregter werden die Stimmen der Vögel. Ihre Schreie scheinen anzuschwellen. Unvermittelt steigen die Segler auf in die Höhe. Kreisen sichtlich aufgebracht am Himmel und beobachten argwöhnisch und laut schimpfend mein Eindringen in ihren Lebensraum. 

Ich versuche mich zu beeilen und lege die letzten Meter zu dem Flossen rasch zurück. 33 Eier zähle ich in elf Kiesmulden, die sich die brütenden Vögel gescharrt haben. Während ich die Flosse umrunde, sehe ich Nester mit zwei, drei Eiern, im Kies entdecke ich auch ein paar einzelne, vermutlich verlassene Eier. In einer Mulde liegen gar fünf Eier, die sich höchstwahrscheinlich zwei Brutvögel teilen. Die Altvögel kreisen noch immer über mir, ihr Geschrei treibt mich weiter zur Eile an. Ich möchte die Flusssee-Schwalben nicht zu lange ihrem Stress überlassen; zudem sollen die Eier nicht unnötig auskühlen. Schon nach wenigen Minuten beginnen erste Vögel ihren Unmut über meine Anwesenheit eindrucksvoll zu bekunden, indem sie in einem energischen Flug nahe über meinen Kopf hinweg sausen und dabei wütende Schreie von sich geben. Ja, ich habe verstanden…es ist höchste Zeit, Abstand von dem Brutplatz zu nehmen. Ein paar Fotos noch von den Gelegen, dann stosse ich mein Boot ab, um mich mit kräftigen Ruderschlägen zu entfernen. Erstaunlich schnell beruhigen sich die Schwalben wieder, segeln auf die Flosse nieder und legen sich zurück auf ihre Eier. In gebührendem Abstand halte ich kurz inne, um meine schriftlichen Notizen über die Brut zu vervollständigen und einen letzten Blick auf die kleine Flussseeschwalben-Kolonie zu werfen.

Während meiner Rückfahrt zum Bootshaus sauge ich die wohltuende Entspannung des morgendlichen Ausflugs förmlich in mich hinein. Noch lange begleitet mich das Geschrei der Segler. Sie scheinen wieder zu ihrem gewohnten Tagesablauf zurückgefunden zu haben. Mir ist, als würde die Hektik des Alltags von mir abfallen. Naturschutz hat seine unangenehmen Seiten, das weiss ich aus eigener Erfahrung, aber solche Momente wie heute entschädigen für alle Mühen. Und dann ist da diese Dankbarkeit jenen Pionieren gegenüber, die ein Naturschutzgebiet wie das im Seebachtal erst ermöglicht haben. Pioniere wie beispielsweise Eugen Akeret (Oberneunforn), der hartnäckig sein Ziel verfolgte und in unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden das Gebiet um den Nussbaumer-, Hüttwiler- und Hasensee mit zu dem machte, was es heute ist. Ein wunderbares, enorm wertvolles kleines Paradies!

Text und Fotos: Andreas Bohren, Geschäftsstelle TVS