Auf Entdeckungsreise durch die Stadt Kreuzlingen

Natur ist auch im Siedlungsraum möglich, dies verdeutlichte die Stadtrundwanderung in Kreuzlingen anlässlich der Herbstversammlung 2015 des Thurgauer Vogelschutzes. Stefan Baun, Umweltbeauftragter der Stadt Kreuzlingen und Präsident des Natur- und Vogelschutzvereines Steckborn führte die rund 40 Teilnehmenden durch den Ort und präsentierte verschiedene Lebensräume inmitten von Wohnarealen. Im anschliessenden Vortrag zum Thema “Einflussmöglichkeiten von Naturschutzorganisationen und der öffentlichen Hand auf die Umgebungsgestaltung im Siedlungsraum” betonte Stefan Braun, dass nur eine Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren wie Grundeigentümer, Bauherren, Kommunen und Naturschutzorganisationen zielführend für eine nachhaltig naturnahe Lebensraumgestaltung sein kann.

Stefan Braun

Stefan Braun, Umweltbeauftragter der Stadt Kreuzlingen, erzählt über die Geschichte und Entstehung des Wohnparks “Bellevue” (Foto: Andreas Bohren)

Die Stadtwanderung führte vom Bahnhof Kreuzlingen zum Wohnpark Bellevue, welcher seit rund 3 Jahren besteht. Nach einer kurzen Begrüssungsrede des TVS Co-Präsidenten Jakob Rohrer leitete Stefan Braun die Gruppe durch das Areal. Inmitten von drei grossen Wohnkomplexen wurden gemäss dem rechtlich verbindlichen Gestaltungsplan der Stadt Hecken aus einheimischen Sträuchern gepflanzt, Wildblumenwiesen ausgesät und Trockenstandorte erstellt. Letzteres soll insbesondere den an der benachbarten Bahnlinie lebenden Amphibien als erweiterter Lebensraum dienen. Schon hier zeigt sich, wie unterschiedlich das Verständnis für Natur zwischen Bewohnern und Naturschützern sein kann. Während die Einen sich an “ungepflegten” verblühten Wildwiesen oder dem Schattenwurf von Wildhecken stören, freuen sich Andere am Artenreichtum der Bepflanzung. Um so wichtiger ist es, die verschiedenen betroffenen Personen wie unter anderem Bauherren, Gartenbauer, Architekten, Eigentümer und Mieter frühzeitig über die Raumgestaltung und deren Zweck zu informieren und in die Umsetzung zu involvieren. Dies gilt ebenso für die nachfolgenden Unterhaltsarbeiten am Gelände: Gärtner und Hauswarte müssen für die Anforderungen der verschiedenen Biotope sensibilisiert werden, um die Nachhaltigkeit der Bepflanzung sicherzustellen. 

Am Alleenweg, einer alten Kreuzlinger Wohnstrasse veranschaulicht sich der Wandel der Zeit. Wo einst Einfamilienhäuser auf grosszügigen Gartenflächen standen, wurden teilweise Mehrfamilienhäuser errichtet, umrandet von sterilen Rasenflächen und Thuja- oder Kirschlorbeer-Hecken.

Pro Natura Auszeichnung

Von Pro Natura Thurgau zertifizierter Garten (Foto: Andreas Bohren)

Ein anderes Bild präsentiert sich da auf dem Grundstück eines Einfamilienhausbesitzers, dessen Garten vor einigen Jahren von Pro Natura mit zwei (von möglichen drei) “Schmetterlingen” ausgezeichnet wurde. Die leicht verwitterte Hinweistafel ziert den Eingang der verwilderten Anlage, die von einem Feigenbaum dominiert wird. Markus Bürgisser, Mitarbeiter von Pro Natura und Vereinspräsident des Natur- und Vogelschutzes AST (Aach-Sitter-Thur) erläutert die Grundvoraussetzungen, welche in einem Garten erfüllt sein müssen, um eine von Pro Natura Thurgau lancierte Zertifizierung zu erhalten. Die Bepflanzung muss aus mindestens 70 % einheimischer Pflanzen bestehen; zudem ist der Einsatz von Giften nicht zugelassen. Neben der Vielfalt an Naturobjekten wird von Pro Natura auch die Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren geprüft. Seit Einführung dieser Auszeichnung konnten 150 Gärten im Kanton Thurgau ausgezeichnet werden. Was diese Auszeichnung bewirkt, konnte Erica Willi, Präsidentin des Natur- und Vogelschutzes Arbon selber erleben. Ihr mit drei Schmetterlingen gekürte Garten wurde ursprünglich von den Nachbarn naserümpfend als ungepflegt und vernachlässigt kritisiert. Seit der Zertifizierung sind diese missbilligenden Stimmen verstummt. An einer Zertifizierung interessierte Gartenbesitzer können sich direkt bei Pro Natura Thurgau melden.

Auf das Thema “Bäche im Siedlungsgebiet” und deren Bedeutung als Lebensraum und Vernetzungsachse kommt Stefan Braun auf dem ehemaligen Gelände einer Feuerwerksfabrik zu sprechen. Hier wurde im Jahre 2011 durch die Stadt Kreuzlingen eine Bach-Renaturierung durchgeführt. Seitdem hat sich die Biodiversität des Areals erstaunlich entwickelt. Während der Umweltbeauftragte auf die Chancen durch den Gewässerraum hinweist, zieht eine grosse aufgeschreckte Fledermaus über die Köpfe der erstaunten Exkursionsteilnehmer hinweg, um dann wieder in der Höhle eines Baumes zu verschwinden. Ein eindrücklicher Nachweis, dass Artenvielfalt im Siedlungsraum durchaus möglich ist!

Die Stadt Kreuzlingen profitiert eindeutig von der seit 25 Jahren bestehenden Fachstelle für Umweltfragen. Belange der Natur lassen sich so frühzeitig in Bauvorhaben einfliessen und in Form von Gestaltungsplänen verankern. Vielleicht gerade deshalb weist die grösste Schweizer Stadt am Bodensee unter anderem 150 wertvolle und 75 erhaltenswerte Naturobjekte auf, die das Leben in der Stadt, wenn auch teilweise nur unbewusst wahrgenommen, äusserst bereichern. 

Der Thurgauer Vogelschutz dankt Stefan Braun für die spannende Entdeckungsreise, welche mit Sicherheit dem einen oder anderen Teilnehmenden einen neuen Blickwinkel eröffnet hat. Danke auch an Franz Osterwalder, Präsident des Natur- und Vogelschutzes Kreuzlingen für die interessanten Hinweise und Hintergrund-Informationen.