Herbstversammlung 2017

Das Thema „Biodiversität im Siedlungsraum“ zog sich wie ein roter Faden durch die diesjährige Herbstversammlung des Thurgauer Vogelschutzes, welche am Samstag, 28. Oktober 2017 im Saal des Gasthaus Engel in Sirnach stattfand. In einem ersten Teil führte Regula Wendel, Sektionspräsidentin des Natur- und Vogelschutzvereines „Tannzapfenland“ (Sirnach) und Vorstandsmitglied des Kantonalvorstandes, die rund 40 anwesenden Mitglieder des TVS zu einigen renaturierten Rabatten der Stadt Sirnach. Im anschliessenden Referat von Kathrin Ruprecht (Naturama, Aarau) wurde die Grundidee des Projekts „Natur findet Stadt“ der Stadt Baden vorgestellt und ein erstes Fazit nach rund drei Jahren Laufzeit gezogen. 

Herbstversammlung 2017

Regula Wendel, TVS-Vorstandsmitglied gibt wichtige Informationen zum Thema „Renaturierung von öffentlichen Rabatten an die Teilnehmenden weiter.

Während einem kurzen Rundgang durch die Stadt Sirnach präsentierte Regula Wendel einige öffentliche Grünflächen, die in den letzten Jahren dank den unermüdlichen Bestrebungen der Sektionspräsidentin als Ruderalflächen umgestaltet werden konnten. Exotische Pflanzen mussten hier einheimischer Flora wie Skabiosen, Königskerzen, Färberkamillen, Rundblättrigem Hasenohr u. A. weichen. Der Weg, den Regula Wendel bis zu diesem zögernd einsetzenden Umdenken bei Verwaltung und Bevölkerung gehen musste, war nicht nur lang, sondern auch beschwerlich, teilweise gar frustrierend. Es galt nicht nur, gegen Vorurteile anzukämpfen. Auch schlichte Unwissenheit involvierter Personen oder Personalwechsel bei den verantwortlichen Stellen liess Fortschritte in Richtung „Biodiversität“ immer wieder ins Stocken geraten. Hauswarte, die aufgrund fehlendem Wissen Wegwarten für Löwenzahn hielten und diese mit Gift bespritzten, Gärtnerbetriebe, die beauftragt waren, einheimische Pflanzen zu setzen und dabei mehrheitlich auf exotische Sträucher zurückgriffen, ordnungsliebende Hausbesitzer, welche sich in ihrer ästhetisch geprägten Wahrnehmung durch die hohen Stengel der verblühten Wilden Karde oder Königskerze gestört fühlten, diese kurzerhand entfernten und so nicht nur ein Versamen der Wildstauden verunmöglichten, sondern den Vögeln wichtige Nahrungsquellen entzogen. Aber Regula Wendel bestärkte in ihren Ausführungen die Anwesenden, den Mut trotz unvermeidlichen Rückschritten nicht zu verlieren. Wo „unkrautfreie“, saftig grüne Rasenflächen, akkurat geschnittene Thujahecken und peinlichst aufgeräumte Grundstücke das Landschaftsbild prägen, wie dies heute in Siedlungsräumen zumeist der Fall ist, da muss der Mensch Natur erst wieder kennenlernen und Mut zur natürlichen Unordnung beweisen. Allmählich tragen die jahrelangen Bemühungen von Regula Wendel Früchte. Nicht nur, dass sich die Wildblumen aus den Ruderalflächen heraus im Stadtraum vermehrt versamen. Nein, auch in der Stadtverwaltung beginnt der Gedanke für mehr Natur im Siedlungsraum zu keimen und sich allmählich auszubreiten und festzusetzen.

Herbstversammlung 2017

Kathrin Ruprecht (Naturama, Aarau) während ihrem Referat über „Natur findet Stadt“.

Nach der Exkursion fanden sich die Teilnehmenden der Herbstversammlung im Saal des Gasthauses Engel ein, wo sie ein Vortrag zum Projekt „Natur findet Stadt“ erwartete. Kathrin Ruprecht, Biologin und Fachangestellte des Naturama, Aarau, stellte das von der Stadtökologie Baden entwickelte Konzept vor und zog in ihrem Referat ein positives Fazit zum Projektverlauf. Über 40 naturnahe Aufwertungen konnten im öffentlichen Raum von Baden und Ennetbaden umgesetzt werden. 47 Privatpersonen hatten sich für eine naturnahe Gestaltung ihres Gartens bei „Natur findet Stadt“ angemeldet. Bei über 70 % (34 Privatgärten) wurden Massnahmen im Sinne des Projektes realisiert. Ziel des im Jahre 2014 gestarteten Programms ist es, die Biodiversität im Siedlungsraum zu erhöhen, indem die städtischen Verwaltungsbetriebe und die Bevölkerung zu naturnahem Gärtnern animiert werden. Die Konzeptidee ist auf der Internetseite wie folgt beschrieben: „Natur findet Stadt“ bewirkt nach dem „Tupperware-Party-Prinzip“, dass begeisterte Privatpersonen ihre Erfahrungen mit ihren Freunden teilen und mit ihrer Begeisterung anstecken. Wie bei Tupperware braucht es dazu zuerst eine Bekanntmachung des Produktes. Im Fall von „Natur findet Stadt“ läuft dies über Vorzeigeprojekte, die von der Gemeinde auf öffentlichen Flächen durchgeführt werden. Das Projekt wurde inzwischen auf den Kanton Aargau ausgeweitet. Auch andere Kantone haben die Idee übernommen und ähnliche Projekte ins Leben gerufen. Die Stadt Baden hat die Pilotphase Ende 2016 abgeschlossen und das Projekt an das Naturama übergeben, welches „Natur findet Stadt“ im Auftrag des Kantons Aargau weiterführt. Informationen zum Projekt finden Sie unter http://www.naturfindetstadt.ch.

Auch der „offizielle“ Teil der Herbstversammlung mit Informationen aus dem Thurgauer Vogelschutz war geprägt von der Thematik „Biodiversität im Siedlungsraum“. Unter anderem wurde die unbefriedigende Situation, dass Naturschutz-Organisationen von Behörden zu geplanten Bauvorhaben oder Schutzplan-Änderungen nur unzureichend informiert werden, angeregt diskutiert.

Unter den Traktanden Nistkastenbestellung und Statistik gab Beat Leuch, Co-Präsident des TVS organisatorische Änderungen bekannt. Andreas Engeler, ehemaliger Verbands-Präsident, wurde für seine jahrelange Tätigkeit in der Lager- und Nisthöhlen-Bewirtschaftung verdankt. Er hat die Aufgabe dieses Jahr an das Vorstandsmitglied Cilia Besançon übergeben können. Nina Moser, im Frühjahr 2017 dem TVS-Vorstand beigetreten, übernimmt das Resort „Statistik“ und löst damit Astrid Gurtner ab, welche das Amt leider aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste.

Den Schweizer Vogelschutz stellvertretend, stellte Regula Wendel die nationale Kampagne 2018 „Begrünte Dächer und Wände“ vor und äusserte sich zur Haltung des Dachverbandes im Zusammenhang mit dem revidierten Jagdgesetz und dem Aktionsplan „Biodiversität“ des Bundes.

Der Thurgauer Vogelschutz dankt der Sektion Tannzapfenland für die hervorragende Organisation des Anlasses und die informative Exkursion durch die Stadt Sirnach! Ein ausdrücklicher Dank soll an dieser Stelle auch nochmals Frau Kathrin Ruprecht für ihre spannenden Ausführungen ausgesprochen werden!

Text und Fotos: Andreas Bohren (Geschäftsstelle)

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