Herbsttagung ganz im Zeichen von “Vorteil naturnah”

Dem Vorstand des Thurgauer Vogelschutzes TVS sind keineswegs die Ideen ausgegangen, wenn er nach der diesjährigen Delegiertenversammlung auch die Herbsttagung unter das Motto “Biodiversität im Siedlungsraum” gesetzt hat. Das Thema gewinnt an Gewicht, weil der Kanton Thurgau sich zum Ziel festgelegt hat, sein Engagement in diesem Bereich zu verstärken. Er lädt die Gemeinden dazu ein, ihre öffentlichen Flächen im Siedlungsraum naturnah umzugestalten.

Hans Mäder begrüsst den TVS in Eschlikon

Der Saal des Restaurant Mettlenhof in Wallenwil (Eschlikon) war bis auf den letzten Platz besetzt, als Jakob Rohrer, Co-Präsident des Thurgauer Vogelschutzes die Herbstversammlung 2019 des Thurgauer Vogelschutzes eröffnete. Die Thematik beschäftigt alle Beteiligten gleichermassen, ob Behörden oder Naturschützer. Als Vertreter der örtlichen Kommune erläuterte Hans Mäder, Gemeindepräsident von Eschlikon in seiner Begrüssungsrede die Erfahrungen, welche aus dem Projekt “Vorteil naturnah” in den vergangenen Monaten gesammelt werden konnten. Sirnach und Eschlikon waren die ersten Gemeinden des Kantons Thurgau, die in einem inzwischen abgeschlossenen Pilotprojekt, unter der Federführung der Initiantin Regula Wendel, Sektionspräsidentin des Naturschutzvereins Sirnach sowie Vorstandsmitglied des Thurgauer Vogelschutzes, erste öffentliche Siedlungsflächen renaturierten. Für eine erfolgreiche Umsetzung der Kampagne “Vorteil naturnah” sei eine Person notwendig, die als Botschafter das Projekt anstosse und begleite. Gemeindevertreter, Werkhof-Mitarbeitende und Bevölkerung müssten von der Idee in gleichen Massen überzeugt werden, sonst sei das Projekt längerfristig nicht umsetzbar. Dafür sei viel Engagement seitens der Botschafterin / des Botschafters unabdingbar, so Mäder.  Auch die Kommunikation, welche das Ziel des Projektes und dessen Ablauf aufzeigen, spielt eine zentrale Rolle. So hat die Gemeinde Eschlikon alle Kanäle, wie beispielsweise das örtliche Informationsblatt, die Homepage der Gemeinde sowie soziale Medien dazu genutzt, um die Bevölkerung stets über die Entwicklung von “Vorteil naturnah” auf dem Laufenden zu halten. Auf die Kostenentwicklung seit Umsetzung  des Biodiversitäts-Projektes angesprochen, antwortet der Gemeindepräsident, dies könne noch nicht genau bestimmt werden. Das werde die Zukunft zeigen. Hans Mäder schätzt die finanziellen Aufwände für die Pflege der umgestalteten Flächen jedoch im gleichen Rahmen ein wie vor der Renaturierung.

Der Kanton setzt Ziele für mehr Biodiversität im Siedlungsraum

Matthias Künzler

Matthias Künzler referiert zum Thema “Vorteil naturnah”

Die Ausführungen von Hans Mäder wurden im folgenden zweiten Referat des ersten Tagungsteils unterstrichen und die Vorteile einer naturnahen Siedlungsfläche nochmals hervorgehoben. Matthias Künzler, Leiter Abteilung Natur und Landschaft Kanton Thurgau, war nach der Delegiertenversammlung 2019 auch an die Herbsttagung des Thurgauer Vogelschutzes eingeladen worden. Es galt unter anderem die Frage zu klären, welche Rolle nach Meinung der Kantonsbehörden die Naturschutzvereine innerhalb der Initiative “Vorteil naturnah” einnehmen sollten. Die Aufgabe der Naturschützer sieht Matthias Künzler darin, auf die Gemeinden zuzugehen und die von Hans Mäder angesprochene Botschafter-Rolle einzunehmen. Einerseits sollen sie motivieren, aber auch beraten. Dabei müsse man empathisch vorgehen und prüfen, ob Gemeindevertreter und Angestellte des Werkhofs offen seien für die Aspekte der Biodiversität im Siedlungsraum. Diese Personen müssten von der Idee und von dem Nutzen der naturnahen Bewirtschaftung überzeugt und nicht dazu überredet werden. Nur so habe eine Renaturierung auch auf längere Sicht hin eine Chance. Der Kanton Thurgau plant, dass bis ins Jahr 2023 25 Gemeinden ein Grundlagenpapier ausarbeiten und 20 Gemeinden die Aufwertungsmassnahmen umsetzen. 50 Prozent der Kosten tragen die Gemeinden, die restlichen 50 Prozent Bund und Kanton, wobei die maximalen Beiträge pro Gemeinde auf Fr. 8’000 für die Planung und Fr. 50’000 für die Umsetzung festgelegt wurden. Für dieses Vorhaben muss der Bund aber noch “grünes Licht” erteilen; der Entscheid fällt anfangs Dezember 2019. Informationen zur Initiative “Vorteil naturnah” des Kantons Thurgau sind zu finden unter vorteil-naturnah.tg.ch. 

Die Initiative 'Vorteil naturnah' beinhaltet die folgenden Schritte:
  • Erarbeitung eines Grundlagenpapiers mit Bestandesaufnahme, ökologischen Aufwertungsmassnahmen mit Kostenschätzung, Pflegeplan sowie Umsetzungszeitplan
  • Umsetzung der ökologischen Aufwertungsmassnahmen
  • Beschilderung der Flächen und Information der Bevölkerung
  • Fachliche Unterstützung und Weiterbildung der Werkhofmitarbeiter bezüglich langfristiger Pflege und Unterhalt

Selbst die kleinste Fläche ist wertvoll

Stefan Nänni

Stefan Nänni führt zu den ersten umgestalteten Flächen in Eschlikon

Nach dem Vortrag von Matthias Künzler besichtigten die rund 45 Personen, welche an die Versammlung gekommen waren, einige der aufgewerteten bzw. umgestalteten öffentlichen Flächen in Eschlikon. Unter der Leitung von Stefan Nänni (dipl. Natur- und Umweltfachmann der Firma Grüngold, die das Pilotprojekt in Eschlikon begleitete), wurden die Anwesenden zu Böschungen und Wiesen in der Nähe des Bahnhofs Eschlikon geführt. Der Umweltfachmann liess die interessierten Vogel- und Naturschützer an seinen Erfahrungen aus der Projektphase teilhaben und beleuchtete die Phasen der Initiative “Vorteil naturnah”. “Planen, Umsetzen, Pflegen” lauten die wichtigen Bestandteile für eine nachhaltige naturnahe (Um-)Gestaltung der Aussenräume. Die Konzeption und die Umsetzung seien das Eine, sagt Nänni, das Andere aber die richtige Bewirtschaftung. Deshalb müssten die renaturierten Flächen auch nach Abschluss der Projektphase weiterhin regelmässig kontrolliert und die Gemeindemitarbeiter bei Problemen (z. B. beim Auftreten von Neophyten oder falscher Schnittweise) kontaktiert werden. Auf die eingeworfene Frage hin, ob denn die vermeintlich “ungepflegt” wirkende Fläche gewisse Personen zu mehr “Littering” verleiten könnte, meinte Stefan Nänni, dass bis anhin noch keine derartigen Erkenntnisse gemacht wurden. Zuzugeben sei, ein achtlos weggeworfener Zigarettenstummel oder eine Red Bull-Dose falle natürlich in einer Fläche mit ungeschnittenen Wildstauden weniger auf als bei einem akkurat gemähten Rasen. Es müsse sich in den nächsten Jahren zeigen, ob sich das “Littering-Problem” verschärfe – dann müsste entsprechend darauf reagiert werden. Anhand einer schmalen begrünten Fläche zwischen Treppengeländer und Betonmauer am Bahnhof wies Stefan Nänni darauf hin, dass jede noch so kleine Fläche einen wertvollen Beitrag zur Artenvielfalt beitragen könne.

Offizieller Teil der Herbsttagung mit Schweigeminute eingeleitet

Der offizielle Teil der Herbsttagung wurde von Beat Leuch, Co-Präsident des Thurgauer Vogelschutzes mit einer Schweigeminute zu Ehren der beiden im September verstorbenen Mitglieder Alfred Schmid und Walter Geiger eingeleitet. Daraufhin folgten Informationen aus dem Vorstand unter anderem zum Stand laufender Projekte und den für das Jahr 2020 geplanten Veranstaltungen/Kursen. Zudem setzte Beat Leuch darüber in Kenntnis, dass BirdLife Schweiz für die Nachfolge des Geschäftsführers Werner Müller sieben mögliche Kandidaten (von 28!) in die engere Auswahl genommen habe. Werner Müller geht 2021 in den wohlverdienten Ruhestand. Diese riesige Lücke zu füllen, wird nicht einfach sein.

Zum Thema Mehlschwalben wurde Tobias Schmid (Mehlschwalben-Verantwortlicher beim Amt für Raumentwicklung des Kantons Thurgau) gefragt, wann mit einem Strafenkatalog bei Verstössen gegen das im 2017 in Kraft getretene Gesetz für den Mehlschwalben-Schutz zu rechnen ist. Dieser sei derzeit in Ausarbeitung, so Schmid, und ein genauer Termin noch nicht absehbar.

Projekt “Geschäftsstelle” regt zu Diskussionen an

Der aktuelle Stand des vom Vorstand an der Delegiertenversammlung 2019 präsentierten Projektes “Geschäftsstelle” wird von Jakob Rohrer angesprochen. Verschiedene anwesende Vertreter der Sektionen wünschen genauere Informationen zu den geplanten Beitragserhöhungen. Es ist angedacht, mittelfristig eine professionelle Geschäftsstelle für den Thurgauer Vogelschutz zu schaffen und diese unter anderem mit Mitgliederbeiträgen teilzufinanzieren. Zu diesem Zweck wurde eine Arbeitsgruppe geschaffen, welche die Anforderungen an eine solche Geschäftsstelle definiert. Jakob Rohrer machte darauf aufmerksam, dass über die Erhöhung der Mitgliederbeiträge an der Delegiertenversammlung 2020 abgestimmt wird. Die im Frühjahr anlässlich der Jahresversammlung kommunizierte beabsichtigte Beitragserhöhung beläuft sich auf drei Franken für Einzel- und zwei Franken für Familienmitglieder.

Mobilfunknetz 5G und Lichtverschmutzung

Unter dem Traktandum “Umfrage / Verschiedenes” stellte Tobias Schmid die Frage, welche Haltung der Thurgauer Vogelschutz gegenüber dem Thema des neuen Mobilfunknetzes 5G einnehme. Er sei bereits mit diesbezüglichen Anfragen seitens der Bevölkerung konfrontiert worden. Markus Bürgisser (Sektionspräsident Natur- und Vogelschutzverein Aach-Sitter-Thur und Geschäftsstellen-Inhaber Pro Natura Thurgau) meinte dazu, dass es keine Nachweise dafür gebe, dass 5G eine schädliche Auswirkung auf die Vogelwelt habe. Der Thurgauer Vogelschutz solle sich dementsprechend neutral zu dieser Thematik äussern, was von den Anwesenden so bestätigt wurde.

Laurenz Winkler (Natur- und Vogelschutz Arbon) warf das Stichwort “Lichtverschmutzung” in die Runde. Wie äussert sich der Thurgauer Vogelschutz zu dieser Problematik? Beat Leuch nahm diese Frage entgegen und versicherte, dass der Vorstand zu diesem Thema Informationen sammeln und eine entsprechende Stellungnahme (auch zu Handen der Fledermausschützer) ausarbeiten werde.

Kurz nach 16.00 Uhr schloss Beat Leuch die Versammlung und entliess die Teilnehmenden in den golden leuchtenden Herbstabend.

Text und Fotos: Andreas Bohren (Geschäftsstelle)

Einblicke in die Herbsttagung 2019