30 Jahre Naturschutzgebiet Aachmündung – eine Erfolgsgeschichte

Das ehemalige SBB-Areal “hinter den Gleisen” in Romanshorn, einst ein unwirtliches Ablagerungsgebiet für ausgedienten Bahnschotter, hat eine spannende Entwicklung durchlebt und ist heute das letzte natürliche Seeufer in Romanshorn, welches 2005 vom Bund als Amphibienbiotop von nationaler Bedeutung eingestuft wurde. Diese Erfolgsgeschichte konnte nur ermöglicht werden durch die Beharrlichkeit der Initianten, die Kooperation zwischen SBB, Ämtern und Naturschützern sowie den unermüdlichen Arbeitseinsatz vieler Helfer. 30 Jahre besteht inzwischen das Naturschutzgebiet Aachmündung. Ein Anlass zum Feiern, den der Natur- und Vogelschutz Romanshorn und Umgebung nutzt und am 19. September 2015 zu Führungen und Vorträgen im Naturschutzgebiet eingeladen hat.

Naturschutzgebiet Aachmündung

Naturschutzgebiet Aachmündung (Foto: Andreas Bohren)

Die Geschichte des Naturschutzgebietes Aachmündung beginnt vor rund 80 Jahren, als 1937 der Pachtvertrag zwischen den SBB und der örtlichen Gesellschaft zur Erhaltung der Bodensee-Schongebiete zu Stande kam. Bereits damals wurde der Wert des Seeufers erkannt. Das Areal war ausschliesslich den Mitarbeitenden der SBB und Schifffahrt zugänglich und wurde unter anderem als Lagerplatz für unbrauchbar gewordenen Bahnschotter genutzt. Aufgrund dieser künstlichen Aufschüttung veränderte sich das Seeufer; das Wasser wurde zurückgedrängt. Da das Gebiet vor dem Zugriff der Öffentlichkeit geschützt war, konnten sich Pionierpflanzen ansiedeln, darunter auch bedrohte Arten. Selbst die Familiengärten der SBB-Angestellten, welche hier Mitte der Siebziger Jahre angelegt wurden, wirkten sich kaum als Störfaktor auf diese natürliche Entwicklung aus.

In den Achtzigern wurde das Verladen der Eisenbahnwagen an dem benachbarten Fähren-Anlageplatz eingestellt. Für den expandierenden Autotransport sollte die Friedrichshafnerstrasse mit der Bahnüberführung gebaut werden. Aufgrund diesen baulichen Massnahmen kam das Gebiet “hinter den Geleisen” unter Bedrängnis; es bestand die Gefahr, dass es öffentlich zugänglich würde. Max Hilzinger und Reini Looser, zwei ehemalige Lokführer, kämpften zusammen mit dem Vogel- und Naturschutz Romanshorn für die Erhaltung des wertvollen Uferstreifens und läuteten damit die Entstehung des Naturschutzgebietes Aachmündung ein.

“Dass dieses Gebiet heute noch so unter Schutz gestellt werden könnte, bezweifle ich”, gab Max Hilzinger in einem Interview mit Umweltingenieur Martin E. Götsch zu bedenken. Nur dank der Zusammenarbeit mit den SBB als Landbesitzerin, der Unterstützung von Res Staufer, damaliger Leiter Natur und Landschaft Kanton Thurgau und den örtlichen Kommunen konnte der Erhalt des Uferstreifens durchgesetzt werden. Heute beherbergt das natürliche Seeufer Hecken, Magerwiesen, Auenwald, Weiher und Schilfgürtel und bietet Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten. Auch wenn dem Gelände die notwendige Vernetzung fehlt, weil Strassen und Bahngelände es landeinwärts isolieren, ist seine Bedeutung für Pflanzen, Amphibien und Vögel beträchtlich. Dies hat auch der Bund so anerkannt und der Aachmündung im Jahre 2005 den höchsten Schutzstatus als Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung verliehen.

Max Hilzinger

Max Hilzinger, Reservatsbetreuer, erzählt aus der Entstehungsgeschichte des Naturschutz-Gebietes (Foto: Andreas Bohren)

Heute weist das Habitat eine beeindruckende Vielfalt an Lebewesen aus: Ringelnatter, Mauereidechse (einst vermutlich durch Bahnschotter aus dem Tessin eingeschleppt), Gelbbauchunke, Kröten und Frösche teilen sich den Lebensraum mit Rohrdommel, Wendehals, Wiedehopf, Teichrohrsänger, Schwarzmilan, Seidenreiher und vielen anderen Vögeln. Insekten wie die Heide- und Pechlibelle haben sich längst an den künstlich angelegten Weihern angesiedelt. Auch den Biber konnte man hier bereits beobachten. Auf dem eigens eingerichteten Floss vor dem Ufer der Aachmündung brüten seit 1989 jedes Jahr Flussseeschwalben.

Damit die Artenvielfalt im ganzen Naturschutzgebiet erhalten bleibt, müssen die verschiedenen Strukturen und Lebensräume gepflegt und erhalten werden. Zu diesem Zweck werden seit 2008 auch Hochlandrinder eingesetzt, welche in eingezäunten Bereichen weiden und so dem Einzug von Neophyten oder der Verbuschung entgegenwirken. Mit Erfolg, wie sich zeigt: Die Biodiversität auf den beweideten Flächen ist angestiegen. In einer Erhebung aus dem Jahr 2013 konnten 28 neue Pflanzenarten kartiert werden, darunter auch die als potentiell gefährdet eingestuften Exemplare wie das Wasser-Greiskraut oder die Wilde Karde.

Ein kleines Stück Natur, das sein Gleichgewicht gefunden zu haben scheint, so dünkt es den Besucher der diesjährigen Jubiläumsfeier, während er dem Reservatsbetreuer Max Hilzinger auf einer Führung durch das Naturschutzgebiet folgt und seinen interessanten, kurzweiligen Ausführungen lauscht. Aber das eingezäunte Kleinod, welches der Öffentlichkeit ausschliesslich an offiziellen Führungen oder Anlässen zugänglich ist, steht vor neuen aktuellen Herausforderungen. So bemängelte Max Hilzinger, dass das Schutzreservat anscheinend noch nicht oder immer weniger seiner Bedeutung entsprechend wahrgenommen wird. Unlängst wurde von der Stadtentwicklung und mitarbeitenden Projektgruppen Konzeptideen für einen Freizeitpark oder ein mehrstöckiges Wohnhaus in nächster Umgebung publiziert.

Vielseitiges, informatives Festprogramm

Jubiläum NSG Aachmündung

Spannendes Programm für Jung und Alt: Das Leben am Wasser faszinierte nicht nur Kinder. (Foto: Andreas Bohren)

Mit Recht ist man im Natur- und Vogelschutz Romanshorn Stolz auf die Entwicklung des Areals “hinter den Geleisen”. Um so mehr freute sich Corinne Röthlisberger, Präsidentin VNS Romanshorn über die unerwartet zahlreichen Besucherinnen und Besucher, welche sich am Samstagvormittag im Naturschutzgebiet einfanden und am abwechslungsreichen Programm der Festveranstaltung teilnahmen. Nach den Begrüssungsreden durch den Stadtpräsidenten David H. Bon und Beat Leuch, Co-Präsident Thurgauer Vogelschutz, äusserte sich Dr. Raimund Hipp vom Amt für Raumentwicklung zur Bedeutung des Naturschutz-Gebietes Aachmündung. Im Anschluss referierte Guido Leutenegger von Natur Konkret über die  Beweidung durch Hochlandrinder in Schutzgebieten. Max Hilzinger, Obmann des Naturschutzgebietes führte durch das Reservat und erzählte aus der Entstehungsgeschichte des Naturschutzgebietes und den damit verbundenen Arbeiten. Unter dem Motto “Der Biber – auch er war schon da” rundeten die Ausführungen von Philip Taxböck über den Biber und dessen Lebensraum das vielseitige Rahmenprogramm der Jubiläumsfeier ab. Der gelungene Anlass wurde begleitet von einem kleinen Herbstmarkt mit verschiedenen regionalen Produkten und einer Festwirtschaft, an der Risotto, Grilliertes, Getränke und Süssspeisen angeboten wurden.

Der Thurgauer Vogelschutz gratuliert und dankt

Wie wichtig solche Biotope wie das Naturschutzgebiet Aachmündung in Romanshorn in einer Zeit des sich stetig ausbreitenden Siedlungsraumes sind, steht wohl ausser Frage. Um die Biodiversität in der Schweiz erhalten oder gar fördern zu können, benötigt es Lebensräume, in denen sich bedrohte Pflanzen und Tiere ansiedeln und ungestört entwickeln können. Dies zeigt auch die Erfolgsgeschichte des letzten noch natürlichen Seeufer-Abschnitts in Romanshorn. Dass heute solche Lebensräume überhaupt noch bestehen, ist nur jenen Menschen zu verdanken, welche mit offenem Blick das Potential einer schutzwürdigen Natur entdecken und deren Erhalt mit fast schon unerschütterlichem Idealismus durch alle Höhen und Tiefen verteidigen. Sie und ihre Helferinnen und Helfer, welche während unzähligen Stunden schweisstreibende Arbeiten verrichten, um gefährdeter Flora und Fauna den dringend notwendigen Lebensraum bieten zu können, tragen massgeblich zum Erhalt der Biodiversität in der Schweiz bei. Es ist uns vom Vorstand des Thurgauer Vogelschutzes deshalb ein dringendes Bedürfnis, dem Natur- und Vogelschutz Romanshorn, insbesondere dem Reservatsbetreuer und Mitinitiant Max Hilzinger sowie all’ den Helferinnen und Helfern herzlich für ihre Arbeit während den letzten Jahre (ja, Jahrzehnte!) zu danken! Ohne dieses Naturschutzgebiet Aachmündung wäre der Kanton Thurgau wieder einiges ärmer an artgerechten Lebensräumen für Tiere und Pflanzen! Vielen Dank!

Vorstand Thurgauer Vogelschutz

 

Link zum VNS Romanshorn und Umgebung